Terezín, Tschechien
Auf den Spuren von Theresienstadt
Wenn aus den Erzählungen von Zeitzeugen plötzlich Orte werden. Das Ghetto in der heutigen Stadt Terezín und die Kleine Festung, das Gefängnis der Gestapo davor. Bilder von beiden Orten.

Im November 2024 stand ich zum ersten Mal in Theresienstadt. Ich hatte zuvor viel über diesen Ort gelesen, Dokumentationen gesehen und mich mit seiner Geschichte beschäftigt. Und doch war es etwas vollkommen anderes, tatsächlich dort zu stehen.
Denn für mich war Theresienstadt längst nicht nur ein Ort auf einer historischen Landkarte. Ich kannte Menschen, deren Leben mit ihm verbunden ist. Ich hatte ihre Stimmen gehört und ihre Erinnerungen kennengelernt.
Gidon Lev war noch ein Kind als er nach Theresienstadt deportiert wurde. Dita Kraus kam als junges Mädchen hierher, bevor sie später nach Auschwitz-Birkenau verschleppt wurde. Ihre Geschichten im Kopf zu haben und gleichzeitig durch diese Straßen zu gehen, in die ehemaligen Unterkünfte zu treten und vor den erhaltenen Gegenständen zu stehen, hat mich tief bewegt.
Besonders nahe gingen mir die kleinen persönlichen Spuren. Koffer. Kleidung. Schuhe. Ein notdürftig eingerichteter Schlafplatz. Namen und Botschaften, die Menschen in Wände ritzten. Dinge, die auf den ersten Blick unscheinbar wirken und plötzlich eine ungeheure Bedeutung bekommen, wenn man sich bewusst macht, dass sie zu einem Menschen gehörten, dessen Leben von einem Tag auf den anderen vollkommen zerstört war.
Gleichzeitig hat mich etwas anderes in Theresienstadt nachhaltig beschäftigt: wie sehr die Menschen versuchten, sich selbst unter diesen Bedingungen ein Stück Menschlichkeit zu bewahren.
Sie schrieben. Sie malten. Sie komponierten und musizierten. Sie spielten Theater. Ich stand vor erhaltenen Kostümen und Zeichnungen und musste immer wieder daran denken, was für eine unglaubliche Kraft dahinter steckt. Menschen, denen nahezu alles genommen worden war, schufen trotzdem etwas Großes. Vielleicht auch, weil ihnen niemand ihre Gedanken, ihre Fantasie und ihre Hoffnung vollständig nehmen konnte.
Gerade diese Spuren der Kinder haben mich besonders berührt.
Und dann ist da noch die andere Seite dieser Geschichte. Die Nationalsozialisten nutzten ausgerechnet dieses kulturelle Leben für ihre Propaganda und inszenierten Theresienstadt zeitweise als vermeintliches "Vorzeigeghetto". Während der Außenwelt eine Fassade präsentiert wurde, lebten die Menschen hinter ihr mit Hunger, Krankheit, Angst und der ständigen Ungewissheit darüber, wer als Nächstes auf einer Transportliste stehen würde.
Diese Listen haben mich lange beschäftigt.
Menschen mussten innerhalb der sogenannten jüdischen Selbstverwaltung Aufgaben übernehmen und Entscheidungen mittragen, während über allem die nationalsozialistische Gewalt stand. Immer wieder wurden Männer, Frauen und Kinder für Transporte bestimmt. Für viele bedeutete ein Name auf einer solchen Liste die Deportation nach Auschwitz und damit den Tod.
Wenn man die Geschichte von Gidon kennt, bekommt das noch eine ganz andere Dimension. Dass er zu den wenigen Kindern gehörte, die bleiben konnten und Theresienstadt schließlich überlebten, erscheint angesichts dessen beinahe unbegreiflich. Es ist ein Wunder! Dita hingegen musste den Weg nach Auschwitz antreten und verlor am Ende ihre Mutter.
Ich wusste all das vorher.
Aber Wissen und Begreifen und Fühlen sind unterschiedliche Dinge.
Nur wenige Minuten entfernt erlebte ich einen Ort, der sich für mich noch einmal vollkommen anders anfühlte: die Kleine Festung.
Schon der Schriftzug "Arbeit macht frei" über dem Eingang ist schwer auszuhalten. Dahinter liegen Zellen, Höfe und schmale Gänge. An manchen Wänden sind bis heute Namen und Zeichen ehemaliger Gefangenen zu erkennen.
Gerade diese eingeritzten Spuren haben mich nicht losgelassen.
Jemand stand einmal genau dort. Vielleicht voller Angst. Vielleicht ohne zu wissen, ob er diesen Ort jemals wieder verlassen würde. Und Jahrzehnte später bleibt von diesem Menschen möglicherweise nur ein Name an der Wand zurück.
Auch die Orte der Erschießungen zu sehen, war bedrückend. Dort zu stehen bedeutet etwas völlig anderes, als darüber zu lesen. Die räumliche Nähe lässt keinerlei Distanz mehr zu.
Ich bin von dieser Reise mit sehr vielen Bildern zurückgekehrt. Aber vor allem mit Gedanken, die sich nicht fotografieren lassen.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum ich solche Orte besuche. Warum ich über diese Themen schreibe. Weil Geschichte für mich dort beginnt, wo aus Zahlen wieder Menschen werden. Wo hinter einem Namen ein Gesicht, hinter einem Transport ein Schicksal und hinter einen Zeitzeugenbericht ein wirklicher Ort sichtbar wird.
Und weil ich glaube, dass wir diese Geschichten weitertragen müssen, solange wir die Möglichkeit dazu haben.
Ghetto Theresienstadt

Koffer deportierter jüdischer Häftlinge
Wenige Habseligkeiten für ein Leben, das zurückbleiben musste.

Häftlingskleidung mit dem gelben Stern
Der Stern als Kennzeichnung jüdischer Gefangener.

Kostüme aus dem kulturellen Leben im Ghetto
Kunst, Musik und Theater bedeuteten für viele auch ein Stück Selbstbehauptung und Menschlichkeit.

Rekonstruktion eines Schlaf- und Wohnbereichs

Inschriften ehemaliger Gefangener
Namen und Spuren, die bis heute geblieben sind.

In die Mauern geritzte Namen und Zeichen

Zurückgelassene Schuhe und persönliche Gegenstände

Rekonstruktion eines kargen Wohnraums

Ehemalige Gebäude des Ghettos
Mitten in der heutigen Stadt Terezín.

Theresienstadt heute
Ein Ort, an dem Vergangenheit und Gegenwart unmittelbar nebeneinanderstehen.
Kleine Festung

Innenhof der Kleinen Festung

Hinrichtungsstätte in der Kleinen Festung

Tor der Kleinen Festung
Mit der zynischen Inschrift „Arbeit macht frei“.

Galgen in der Kleinen Festung

Unterirdischer Gang innerhalb der Festungsanlage

Denkmal für die Opfer der Kleinen Festung

Schwimmbecken der SS-Wachmannschaft
In unmittelbarer Nähe zu den Gefangenen.

Das sogenannte Herrenhaus
Wohn- und Dienstbereich der SS-Wachmannschaft und des Gefängniskommandanten.
Diese Bilder stammen aus meiner Recherche zur Romantrilogie und zum Podcast „Wunder. Wissen. Weltkrieg“.